Zurück Technische Daten Abbildung groß

Kodak Retina II (Typ 122)

Kodaks allererste Faltkamera mit Entfernungsmesser, Gehäuseauslöser und Schnellschalthebel

Der mechanische Film Schnelltransporthebel, der diese Kamera einzigartig macht, in der damaligen Zeit eine absolute Novität.

 Erst mit der Kine Exakta Typ 3 kam zwei Jahre später etwas Vergleichbares auf den Markt.

Die ehrgeizigen Schwaben brachten pünktlich zu den olympischen Spielen 1936 die ersten Prototypen dieser Kamera in Position. Lichtstarke Optik, gekuppelter Entfernungsmesser und als Novität ein Schnellschalthebel: gerade das Richtige für Sportaufnahmen! Die Auslieferung der Serienmodelle verzögerte sich jedoch über die Jahreswende, so dass diese erst ab Januar 1937 auf den Markt kamen. Leider blieben sie dort nicht lange, denn es gab Probleme mit eben dem ach so begehrten neuen Filmtransport und seinem Auslösemechanismus. Teilweise wurden die Kameras umgebaut, andere wurden durch das Modell 142, das nur ein halbes Jahr später auf den Markt kam, ersetzt. Heute würde man von einer Rückrufaktion sprechen. Wie viele von den angeblich produzierten 4.600 Stück *) wirklich in Umlauf kamen und blieben ist deshalb ungewiss. Und wie viele davon heute noch wirklich existieren, das ist erst recht nicht zu sagen, doch dürften sich die Zahl der noch vorhandenen Exemplare im entschieden niedrigen dreistelligen Bereich bewegen. Mir ist übrigens einmal eine angeboten worden, doch als ich näher auf die Offerte einging und Details erfragte, herrschte sofort Funkstille. Wenn man also heute eine Retina II/Typ 122 entdeckt: Vorsicht! Es handelt sich möglicherweise um eine Fälschung. Und falls es sich wirklich um eine Originalkamera handeln sollte, muss man bedenken, dass man für deren Wert auch eine erstklassige Spiegelreflexausrüstung mit allerlei Objektiven und Zubehör bekäme.  Mit einem zuverlässig funktionierenden Schnellschalthebel wurden die Kameras aus Stuttgart übrigens erst ab 1951 bei der Retina I/Typ 015 ausgestattet, also 15 Jahre und einen Weltkrieg später. Dass dem so war, konnte 1936/37 wirklich nicht groß interessieren, denn mit einem damaligen Kaufpreis von 155.- bis 235.- RM war die Retina II für Otto Normalverbraucher höchstens ein Traum, verdiente man doch nur einen Bruchteil dessen, was sie kostete. Allerdings konnten von ihrer Nachfolgerin, der Retina 142 immerhin rund 51.750 Stück gebaut werden. Sie avancierte damit zur meistverkauften Kodak Retina vor dem Krieg. In folgender Abbildung ist zu sehen, dass die Änderungen vor allem in einem ganz neu konzipierten Gehäuseoberteil bestand, welches den auf damals üblichen Standart geänderten Filmtransport beherbergte. Die Sucher- und Entfernungsmessereinheit darin blieb unverändert.

Wegen nicht behebbarer Mängel innerhalb eines halben Jahres abgelöst:  die Retina 122 (links) durch die Retina 142 (rechts)

*) Die Seriennummern für die Retina 122 reichen von 957 122 bis 961 972. Das ergibt rein rechnerisch zwar eine Anzahl von 48.590 Stück, doch muss man wohl etliche Prototypen abziehen.

 
Kodak-Nagel hätte übrigens nicht länger warten dürfen, denn die Konkurrenz schlief nicht. Allein drei Mitbewerber brachten 1936-1937 ihre erste KB-Faltbalgenkamera mit integriertem Entfernungsmesser heraus.
Welta Weltini Certo Dollina II Balda Super Baldina

 

Dass diese spezielle Retina so äußerst selten ist, macht sie auch heute nicht nur teuer, sondern auch fast unerreichbar. Dachte ich bisher. Doch der Gott der Kamerasammler hatte ein Einsehen mit mir und erhörte mein heimliches Flehen. Wenn ich nun nicht zum Objekt meiner Begierde kommen konnte, so kam das Objekt eben zu mir. Ein gut meinender Mensch,  der kürzlich ein solches erwerben konnte und Leser meiner Seiten ist, meinte, dass die 122er bei mir doch recht gut aufgehoben sei. Wir sind uns schnell einig geworden und so kann ich die Retina 122 nun in meiner Sammlung präsentieren.

Dieses Prachtstück hat zwar einige Jährchen auf dem Buckel, das sieht man ihm natürlich schon an, doch im Großen & Ganzen ist es sehr gut in Schuss. Natürlich funktionieren Filmtransport und Auslöser nicht recht. Etwas anderes hätte mich auch sehr gewundert. Das haben auch die Vorvorbesitzer bemerkt und einige Versuche gestartet diesem Übel abzuhelfen. Deren erfolglose Versuche sind leider nicht ganz ohne Folgen geblieben, was zu etlichen Kratzern geführt hatte. Abgesehen davon hat die Kamera keine mechanischen oder optischen Mängel. Wenn ich mal ganz viel Muße habe, werde ich Weib und Hund in Urlaub schicken, das Telefon abschalten, ein paar Baldriankapseln einwerfen und meinerseits versuchen hinter das Geheimnis des Filmtransports zu kommen. Das kann aber noch dauern.Weil es zur Retina II (Typ 122) allerdings nicht viel wirklich fundiertes Material in Literatur und Netz gibt, werde ich mich jedoch schon heute an eine Beschreibung machen. Zumindest gibt es hier recht viele Abbildungen, denn auch da herrscht Mangel. Bilder sagen halt mehr als Worte.

Hier noch mal zum Vergleich: Ansicht der Gehäuseoberseiten von Typ 122 (unten) und Typ 142 (oben)

Foto und Text aus:  Karl-Otto Kemmler   „Kodak Retina – ein Kapitel deutscher Kamerageschichte“  -  1. Aufl. 1989 – ISBN 3-89506-125-5

In Fachkreisen wurde schon lange vor Ihrem Erscheinen über sie gesprochen, und die ersten Testmodelle bestanden ihre Bewährungsprobe auch schon zur Olympiade 1936. Offiziell angekündigt wurde sie dem Handel jedoch erst am 22. Dezember 1936; die Erst-Auslieferung begann Mitte Januar 1937. Zu den Vorzügen der „kleinen" Retina gesellen sich jetzt gleich mindestens fünf wesentliche neue Eigenschaften:

- Die lichtstarken Objektive Schneider Xenon f:2.8 und f:2

- Der gekuppelte Entfernungsmesser

- Erstmalig ein Gehäuseauslöser

- Der Schnelltransporthebel

- Die Doppelbelichtungssperre

Damit ist man, wenn man von dem Einsatz von Wechsel-Objektiven absieht, anderen Spitzenfabrikaten durchaus ebenbürtig. Mit der Retina II erschließen sich dem ernsthaften Fotoamateur jetzt ganz neue Möglichkeiten, besonders auf dem Gebiet der Sport- und der Theater-Photographie. Präzisionskamera mit aufklappbarem Laufboden. Spitzenmodell mit gekuppeltem Entfernungsmesser und lichtstarker Optik. Fein beledert. Schaltwerkdeckel verchromt. Mechanischer Film-Schnelltransport; Rückspulhebel seitlich mit Kennzeichnung A und R. Automatische Auslösesperre zur Vermeidung von Doppelbelichtungen. Entfernungs-Einstellung durch Schneckengang-Getriebe, mit Entfernungsmesser gekuppelt. E-messer mit runden Ausblicköffnungen, getrennter Einblick für optischen Durchsichtsucher. Entfernungs-Skala in Meter oder feet. Gehäuseauslösung. Schärfentiefering an der Gehäuse-Unterseite.

Abmessungen (geschl.): 122 x 82 x 42 mm

Gewicht: ca. 600 g

Produktionszahl: ca. 4600

Produktionszeit: 1937

Preise und Ausstattung:

Kodak Anastigmat Ektar f:3,5/F = 5 cm; Compur Rapid RM 155.-

Schneider Retina-Xenon f:2,8/F = 5 cm; Compur Rapid RM 185.-

Schneider Retina-Xenon f:2,0/F = 5 cm; Compur Rapid RM 235.-

>>>> Alle deutsche Kodak Retina Faltkameras >>>>

Zurück Technische Daten Abbildung groß

 

 

Copyright © Reinhard Krahé