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Voigtländer Vito III Typ 124/4

Groß, schwer, teuer und schon 1950 antiquiert

Die Voigtländer Vito III kommt daher wie das ältere Geschwisterkind der kleineren leichter gebauten übrigen Vito Faltkameras. Und genauso wie ein solches wirkt sie auch: in allem natürlich besser, sei es in der Verarbeitung, den Materialien, der Ausstattung oder der optischen Leistung. Aber auch wenig spontan, altbacken und ungeschlacht. Ihre Größe lässt eher eine Rollfilmkamera vermuten, ebenso ihr Gewicht. Und ihr Preis an eine Einzelanfertigung. Selbst für ein gebrauchtes Exemplar muss man heute noch zwei bis drei Hunderter hinblättern. Diese Kamera und ich haben zwar das gleiche Baujahr, doch sonst kann ich mich einfach nicht so recht für das Gerät erwärmen. Deshalb habe ich lange gezögert mir eine Vito III zuzulegen, was natürlich auch mit dem Preis zusammenhängt. Positiv anzumerken ist das sehr lichtstarke Ultron Objektiv mit 6 Linsen in 4 Gruppen. Optisch ein Schmankerl! Die mit dem Mischbildentfernungsmesser gekoppelte Entfernungseinstellung durch ein Rändelrad auf der linken Kameraoberseite ist etwas gewöhnungsbedürftig, funktioniert aber nach einer kleinen Eingewöhnungszeit bestens. Trotz ihrer Größe liegt die Vito III gut in der Hand. Und die Verarbeitungsqualität ist Oberliga. Doch was wenig erfreulich ist: es fehlt ein Zubehörschuh (nur als optionales Zubehör erhältlich und umständlich aufzuschieben - siehe unten), das Rückspulen durch einen Knebel geht langsam vonstatten und dann erst die Tatsache, dass der Verschluss nicht mit dem Filmtransport gekoppelt ist! Überhaupt ist die gesamte Verschlusseinheit einschließlich Blendenverstellung mittelklassige Vorkriegsware. Das passt irgendwie nicht zu dem übrigen Standart dieser Kamera.

Zubehörschuh zum Aufschieben

Die Konkurrenz schläft bekanntermaßen nicht. Von der zeitgleichen Messsucher Retina IIa wurden über 113.000 Stück verkauft. Die Vito II ging nur 15.000 mal über den Tresen. Zugegeben, sie hatte nicht vielleicht nicht ganz die Qualität, aber mit Sicherheit eine praxisnähere Ausstattung. Die 1950 auf den Markt gebrachte Kleinbild-Mess-Sucher Kamera Contessa 35, besaß ein Tessar Objektiv, einen Synchro Compur Verschluss, einen eingebauten Belichtungsmesser, und einen Drehkeil Entfernungsmesser. Auch sie wurde nicht gerade zum Verkaufsschlager was die Stückzahlen anging, auch sie hatte ihren gerechtfertigt hohen Preis. Nur war sie dank ihrer Ausstattung mit einem  Belichtungsmesser der Vito III deutlich überlegen. Des Weiteren rangen die Agfa Karat 36 im Westen und die Super Dollina von Certo im Osten Deutschlands als Messsucherkameras um die Gunst des Käufers.

Wäre die Vito III vor dem Krieg erschienen, sie wäre wie schon etliche andere Platten- und Rollfilmkameras der Firma Voigtländer zuvor gleichfalls zu einer Legende geworden. Was am meisten gefällt, das ist - bis auf die zugekaufte Blenden- und Verschlusseinheit - die erstklassige Verarbeitung der mechanischen Teile. Auch noch nach über 55 Jahren ohne Spiel und Fehler. Einfach  ein Genuss! Wenn sie auch zu ihrer Entstehungszeit nicht wirklich eine Novität darstellte, heute kann man in ihr das Bild einer klassischen Kleinbildfaltbalgenkamera schlechthin sehen.

Kodak Retina II a (Typ 016)

Zeiss Ikon Contessa 35  (533/24)

Vorgänger- und Nachfolgemodelle

Prospekt aus den 50ern

Zwischen 1950 und 1960 stellt Voigtländer ein breites Sortiment von Faltbalgenkameras her, welche zeitgleich gebaut wurden. Mit diesen Parallelprodukten macht die Firma sich selbst die größte Konkurrenz.

6 x 6

Perkeo I     Perkeo II

 

24 x 36

Vito II     Vito III     Prominent

 

6 x 9

Bessa I     Bessa II

Bessa II: deutlich ist die Ähnlichkeit bei  der Führung der Objektivplatine und der gesamten oberen Einheit des Messsuchergehäuses Die wesentlich kleinere und leichtere, aber auch preisgünstigere Vito II - vielleicht nicht der große Wurf im technischen Bereich, doch im Verkauf ein Renner, zumal ihr Preis noch nicht mahl halb so viel betrug wie der der Vito III

Nahezu parallel zur Vito III  beschritt die Firma mit dem Bau der Prominent aber auch einen fatalen Irrweg (von 1951 bis 1957 sind nur etwa 23.000 Stück gebaut worden), den sie bei den Vitessas mit dem T-Modell wiederholen sollte. Man kann halt nicht gegen den Strom schwimmen. Dem Kunden der 60er verlangt es nach mehr als nur noch Qualität. Die Prominent besitzt nun ein Bajonett für Wechselobjektive (das Ultron 2,0/50 mm ist Standart), ist aber noch schwerer (rund 800 g) und teurer (395.-DM bis 595,-DM je nach Ausstattung). Sie hat nun einen noch schnellerem Compur Synchro Verschluss bis 1/500) sec. und einem Schnittbildentfernungsmesser. Der ist nur mit dem 50mm Normalobjektiv gekuppelt, andere Brennweiten müssen durch einen zusätzlichen Sucheraufsatz anvisiert und dessen Ergebnis von Hand übertragen werden.  Beim Fokussieren wird der gesamte Objektivtubus einschließlich  Verschlusseinheit verschoben. Die oberen Bedienelemente entsprechen im Übrigen denen der Vito III. Voigtländer wirbt u. a. damit, dass der doppelte Zentralverschluss Blitzsynchronisation bei allen Zeiten gewährleistet. Prima! und wo ist der Blitzschuh?

Mit der Vitessa Serie schlug Voigtländer nach einer langen Ära sehr konservativen Faltkamerabaus völlig überraschend einen fast avantgardistischen neuen Weg ein: neue Form, neue Technik und bald auch mit Belichtungsmesser. Von diesen Kameras sind zwischen 1953-1958 insgesamt rund 300.000 Stück gebaut worden, zunächst die Vitessa Modelle I - III mit ausklappbarem Objektiv, dann die Vitessa T ohne Faltbalgen, dafür aber mit auswechselbaren Objektiven. Letztere war nicht wirklich erfolgreich, denn als Systemkamera war sie einfach nicht variabel genug um mit den neuen Spiegelreflexkameras mithalten zu können und der Preis war nahezu der gleiche. Mit Selen-Belichtungsmesser, Synchro Compur Verschluss mit Lichtwertanzeige und Objektiv Ultron 2/50 mm kostete sie 418.-DM. So betrug der Preis für eine Edixa Reflex 1956 nur um die 325.-DM. Ein Wunder, dass Voigtländer sich dann doch noch entschloss mit der Bessamatic in den Spiegelreflexmarkt einzusteigen. Das erste Modell besaß ebenfalls noch einen Zentralverschluss und einen Selenbelichtungsmesser, der nicht weiter ins Geschehen eingriff, sondern halt nur ein eingebautes Zubehör war.

Die Vito B von 1955 und ihre Nachkommen dieser Vito bildeten eine sehr erfolgreiche Kamerafamilie. Apropos Familie: es gab wohl kaum eine Familie im Deutschland der Adenauer-Ära, in der nicht irgendeiner eine Voigtländer besaß. Neben Agfa die beliebtesten Amateurkameras dieser Zeit! Zu schade, dass die Firma nur 10 Jahre später den Bach runter ging.

Die Kompaktkameras der 90er Jahre oder gar die digitalen Vitos unserer Tage haben außer ihrem Namen aber nun gar nichts mehr mit den ursprünglichen Voigtländer Kameras gemein. 1982 ging Voigtländer in die Firma Rollei über, die in Singapur bauen ließ. Die Ringfoto GmbH hatte 1999 für 100.000.- DM die Namensrechte an der Vito erworben und vertreibt Einfachdigis, die sonst wo zusammen gefrickelt werden.

Voigtländer Bessa R4

Voigtländer Bessa III

Doch es gibt sie noch: die Wunder! In Zusammenarbeit mit  Cosina, Fuyifilm und was weiß ich noch für Firmen sind unter dem Namen Voigtländer Bessa wieder allerlei analoge Kameramodelle von der Ringfoto GmbH auf den Markt gebracht worden. Mit und ohne Automatik, sogar für das Mittelformat. Es gibt dazu eine Reihe von Wechselobjektiven und umfangreiches Zubehör. Nicht eben zu Schnäppchenpreisen zu erwerben, doch der auf billig fixierte Massenmarkt hat sich ohnehin unerreichbar vom Analogfilm entfernt. Traditionen haben eben ihren Preis.
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