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Kodak Retina (Typ 117)

1934 war die Geburtsstunde der ersten in Großserie produzierte Kamera für die neue Kodak Tageslichtfilmpatrone.

Durch den Erfolg dieser Kamera begann der unaufhaltsame Weg des 35mm Kleinbildfilms zum weltweit meistverwendeten Filmmaterial des 20. Jahrhunderts.

Leica I von 1924

Das Vorbild der Retina Typ 117 war, von Prototypen und einigen Exoten mit einfachster  Ausstattung mal abgesehen, eigentlich die Leica von Leitz. Das Optik-Unternehmen aus Wetzlar baute 1924 die erste international erfolgreiche Großserien-Kleinbildkamera der Welt. Grundlage war eine Konstruktion von Oskar Barnack, der schon seit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg eine handliche Kamera entwickelte, in die er den damals üblichen 35mm-Kinofilm einspulte. Mit den Leica-Kameras war es erstmals möglich, als Fotograf immer eine hochwertige, doch relativ kleine Kamera dabeizuhaben, da es sonst nur unhandliche Rollfilm- simple Boxkisten- oder noch sperrigere Plattenkameras gab.

Dieser Vorzug wurde zuerst nur von einer künstlerischen und journalistischen Avantgarde sowie vermögenden Amateuren erkannt und genutzt. Damit wurde eine neue Art von dynamischer Reportagefotografie erst möglich. Für den Normalbürger waren diese Kameras jedoch viel zu kostspielig. Zudem war es umständlich erst in der Dunkelkammer 35mm Filmstreifen in teuere Wechselspulen einzufüllen, damit man einen ausreichenden Vorrat an Aufnahmematerial hatte. So kam es, dass bis 1933 weltweit nicht mehr als 16.700 Kameras verkauft werden konnten. Es galt - wie bei so manchem Vielbegehrten - jeder kannte die Leica, kaum einer besaß eine.

Im Jahr 1932 stellte Zeiss die Contax (heute „Contax I“ genannt) vor, ein für ihre Zeit revolutionäres Gerät. So besaß sie einen vertikal verlaufenden Lamellenverschluss aus Metall, sowie von Anfang an eine ganze Palette von erstklassigen und lichtstarken Wechselobjektiven mit den Brennweiten 50mm, 85mm, 135mm, später dann noch 28mm und 180mm. Und natürlich: für 24 X 36 mm Kinofilm, den man noch – wie bei der Leica – in Magazinpatronen einfädeln musste. Das Gehäuse der Contax bestand nicht aus Blech, wie bei den Leitz Produkten, sondern aus Aluminiumguss, die Rückwand ließ sich im Ganzen abziehen und nicht wie bei der Leica nur die Bodenplatte. Der Preis für dieses Kleinod lag mit einem „einfachen“ Tessar 3,5/50mm bei 250.- RM, mit einem 1,5/50mm Sonnar sogar bei über 450.- RM. Da nimmt es nicht Wunder, dass das Klientel der Käufer recht übersichtlich, wenn auch vermögend war. Man kaufte sich eine Contax eben auch aus Prestigegründen. Der kleine Amateur konnte nun mal nicht so eben ein, zwei Monatslöhne für eine Kamera auf den Ladentisch legen. Ätsch! Höchste Zeit also, dass sich da etwas tat. Die beiden großen Filmhersteller, AGFA und Kodak, saßen bereits in den Startlöchern.

Contax von 1932

>>> Kodak Bullet Camera von 1936 >>>

Kodak Eastman sah nun also Möglichkeiten den 35mmm Film besser zu vermarkten und wollte das Geschäft ausweiten. Wenn, so die Überlegung, potentiellen Kunden fortan die Mühe des Filmladens erspart bliebe, dann wären mehr Menschen bereit sich eine Kleinbildkamera zu kaufen. Die Idee der Tageslichtpatrone war geboren. Fehlte nur noch das passende Gerät. Nur zögerten Kodak eine eigene Kamera zu entwickeln. Denn was Kodak als Filmhersteller für den amerikanischen Markt entwickelt hatte und in der Zukunft für den Weltmarkt entwickeln würde, folgte dem Geschäftsprinzip eines Verbrauchsgutherstellers: die Hemmschwelle sich ein technisches Gerät zu kaufen sollte möglichst gering gehalten, der Anreiz möglichst viel zu konsumieren erhöht werden. Also billige Kameras für viel Film. Ein zeitgleiches Beispiel ist die Kodak Bullet Camera (hier links) Doch das, was man mit dem neu konzipiertem Film vorhatte, ließ sich mit einfachen Brownies nicht erreichen, den Amerikanern fehlte es einfach an ausgereifter technischer Erfahrung. Dazu kam das Risiko, dass dieser Film nicht einschlagen könnte, eine Neuentwicklung hätte auch zu viel Zeit und Geld gekostet, schließlich war Leitz zu fürchten selber eine Tageslichtpatrone zu entwickeln und sich mit einem anderen Filmhersteller zusammenzutun.

Leitz selbst wäre eigentlich der kompetente Partner gewesen, wenn er nur preiswerter produzieren könnte. Und halt bereit gewesen wäre. Da die Leutchen in Wetzlar nicht flexibel genug waren (in der Folgezeit sollte sich diese Eigenschaft als Leitz typische Krankheit den meisten Neuerungen gegenüber manifestieren) mussten sie sich später an dem Standart orientieren, den Kodak mit der 35mm Filmpatrone nun vorgab. Leitz sollte es also nicht sein. Doch nun drängte die Zeit, denn die Firma AGFA hatte ebenfalls vor einen Kleinbildfilm in ein passendes Kamerasystem zu integrieren, was ihr letztlich ja auch mit der Karat nur gut ein Jahr später als Kodak gelang. Als Filmhersteller lieferte Agfa seinen Karat-Film selbstverständlich ebenfalls fertig konfektioniert, es handelte sich um Blechpatronen ohne Kern, aus denen der Film lose herausschautet. Er brauchte nur in die Kamera eingelegt und dann transportiert werden. Dann schob er sich selbsttätig in die Aufwickelpatrone, welche man schließlich der Kamera wieder entnahm. Die bisherige Vorratspatrone fand dann als Aufwickelpatrone Verwendung, genau so, wie man es mit den Spulen beim Rollfilm gewohnt war. Die Patronen enthielten Film für 12 Aufnahmen im gewohnten Format 24 mm x 36 mm.

>>> Agfa Karat 6.3 von 1936 >>>

Kodak Retina und Agfa Karat im Vergleich

Nagel Vallenda von 1932

In Stuttgart und Umgebung war seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine Reihe von feinmechanischen und optischen Qualitätsunternehmen etabliert, die sich durch ihre Präzisionsarbeiten einen Namen gemacht hatten. In dieser Zeit wurde auch der Grundstein zum Weltruf von Fotoapparaten „Made in Germany“ gelegt. Der Stuttgarter Dr. August Nagel (1882-1943), einer der deutschen Fotopioniere, hatte sich schon vor 1918 mit der Konstruktion einer Luftbildkamera beschäftigt. Im Jahr 1928 konnte er eine eigene Firma als "Fabrik für Feinmechanik" in Stuttgart-Wangen gründen.  Sie beschäftigte sich mit Platten- und Rollfilmkamerabau. Die kleinen feinen Nagel-Kameras, z.B. die Vallenda für das 3x4 Format (siehe >>>) und insbesondere die Nagel-Pupille, auch nach heutigen Maßstäben Kompaktkameras, die als Vorläuferin der Kleinbildkameras betrachtet werden können und heute eine gesuchte Sammler-Rarität darstellen, gelangten binnen kurzem zu Weltruf, der bis nach Amerika zur Eastman Kodak vordrang. Wer also schon Erfahrung mit kleinen Faltkameras hatte, der war sicherlich ein guter Partner für den „Gelben Riesen“.

Kodak erwarb 1931 kurzerhand Dr. Nagels Firma, wobei Dr. Nagel selbst zum Generaldirektor des Kodak-Nagel Werkes ernannt und mit weit reichenden Vollmachten ausgestattet wurde. Die wohl berühmteste Kamera, die in Stuttgart gebaut wurde, war die Kodak Retina, deren erste Version 1934 als Typ 117 auf den Markt kam und der viele Modelle folgen sollten. In der Anfangszeit trugen die Retinas den Zusatz Dr. Nagel-Werk Stuttgart.  Gegen Ende der 30er Jahre wirbt Kodak in Prospekten – wohl um antiamerikanischen Ressentiments entgegenzutreten – mit Aussagen wie "Deutsch die Kamera", rühmt sich, "1500 Volksgenossen Arbeit und Brot zu geben" und behauptet, nur "beste einheimische Rohstoffe" zu verarbeiten.

Ab 1940 stellt das Kodakwerk in Stuttgart dann auf Rüstungsproduktion um. Nach 1945, unter der Führung von Dr. August Nagels Sohn Helmut Nagel, boomte die Kameraindustrie wieder. Doch durch die übermächtige japanische Kamera-Industrie wurden die Fotoapparate „Made in Germany“ Anfang der 60er Jahre in die Defensive gedrängt, auch die deutsche Kodak Kamerafertigung wurde davon nicht verschont. 1966/68 wurden bei Kodak in Deutschland die letzten Kleinbildkameras hergestellt, die Fertigung wurde auf vorwiegend preiswerte Kassettenkameras umgestellt. Kodak musste, dem Kostendruck nachgebend, letztlich die Kameraproduktion in Billiglohnländer wie Südamerika und Fernost verlagern.

Die Blütezeit der Stuttgarter Kameraproduktion lag aber in den Jahren 1934 bis 1960 (mit der unvermeintlichen Unterbrechung durch den II. Weltkrieg). Und die besten Kameras, die das Werk in Stuttgart verließen, waren halt die – man darf es ohne Übertreibung sagen – weltberühmten Retina Faltkameras in insgesamt ca. 25 immer wieder verbesserten Grundausführungen.

Die Geschäftsleitung von Kodak in Deutschland hat sich übrigens 2004 entschlossen, die Zeugnisse des schwäbischen Erfindergeistes, der Ingenieurkunst und der handwerklichen Präzision der Stadt Stuttgart zu übergeben, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die aus 152 Exemplaren bestehende Sammlung umfasst lückenlos alle Kameras, die von Nagel und Kodak in den Jahren 1928 bis 1989 in Deutschland hergestellt wurden. Sie befindet sich als Dauerleihgabe im Rathaus der Stadt.

Retina I Typ 117 von 1934

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